Hallo Shitstorm.
Oder: Was sich in 500 Zeichen nicht sagen lässt.
Dieser Tage habe ich auf Threads unabsichtlich einen Shitstorm ausgelöst. Da diese Plattform als Teil des Meta-Konzerns mittlerweile nicht nur politisch problematisch ist, sondern vor allem, weil es nachgewiesenermaßen nicht möglich ist, komplexe Themen auf 500 Zeichen zu verhandeln, beinhaltet dieser Text all die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, während ich gestern dieses hier postete:

Der Post ging innerhalb von wenigen Stunden für meine Verhältnisse ungewöhnlich viral. Während die ersten Reaktionen hauptsächlich aus meiner Bubble kamen und sich theoretisch um Literatur, Genre und Übersexualisierung drehten, ging es kurz darauf richtig los.
Man äußerte Unverständnis für meine Aussage, mir wurde Arroganz vorgeworfen, ich bekam spitze, teils passiv-aggressive Kommentare, wurde sogar als »Gans« bezeichnet. Zuspitzung allenthalben. Natürlich hatte ich sie mit meinem Ausgangspost provoziert, auch wenn der sich – genau gelesen – gegen niemanden explizit richtet, auch nicht gegen die ursprüngliche Autorin. Er wurde aber so interpretiert, und sowhl er als auch die Kommentare daraufhin haben mir – nicht zum ersten Mal – gezeigt, wie anfällig wir alle für die Polarisierung durch die Sozialen Medien sind. Ich, weil ich, einem Impuls nachgab und zugespitzt formulierte, während mir gleichzeitig all die tausend Branchendinge durch den Kopf gingen, mit denen ich täglich ringe. Und all die Kommentator*innen, weil sie genau wie ich einem Reflex folgten, einen Angriff ad hominem wahrnahmen und darauf mit Empörung reagierten. Dieser Gegenwind wiederum führte bei mir zu ärgerlichen Re-Reaktionen. Diese schnell rausgehauen, mal eben zwischen zwei Pflichten, und peng! Weitere Wut beim Gegenüber provoziert. Der Schnippisch-Skala ist oben offen. Yippieh.
Zuckerberg und Co. freuen sich über den Traffic.
Diesem Mechanismus den Stecker zu ziehen, dafür ist dieser Text, in dem ich darlegen will, was ich meinte, als ich schrieb, ich »möchte auf mehreren Ebenen gerade schreien«.
Punkt 1: Hallo, hier spricht der Independent-Buchhandel. Mich gibt es noch.
Wie schon erwähnt, lese ich in meinem Threads-Feed täglich Dutzende Male diese Frage in verschiedenen Versionen: »Gibt es eigentlich auch noch Genre xy ohne spice?«
Und jedes Mal schießt mir ein zentraler Gedanke durch den Buchhändlerinnenkopf:
Wenn jeder, der/die das hier postet, in die nächste Buchhandlung gehen, dem Personal dort genau diese Frage stellen, sich kompetent beraten lassen und ein Buch kaufen würde, würde es unserer Branche möglicherweise besser gehen.
Denn dann würden die Buchhändlerinnen den Verlagsvertetern sagen können: »Wir haben viele Kunden, die nach Genre xy ohne Smut fragen.«
Dann würden die Verlagsvertreter*innen diese Info mit in die Verlage nehmen.
Und dann würden Programmleitungen sich vielleicht zweimal überlegen, ob sie ihr Angebot weiter mit lauter sexlastigen Schnelldrehern vollstopfen sollen. Andere Bücher, leisere, nachdenkliche, würden vielleicht wieder bessere Chancen haben, verlegt zu werden. Jene Bücher eben, nach denen viele offenbar zunehmend verzweifelt suchen.
Turns out: Ich möchte exakt dasselbe, wie all jene Fragesteller*innen: literarische Vielfalt.
Punkt 2: Arroganzdebatten gehen in zwei Richtungen
Darüber hinaus möchte ich aber noch etwas anderes. Ich möchte, dass alte, weiße Männer wie Denis Scheck sich nicht mehr hinstellen und Romance oder Romantasy wahlweise als »Drachenscheiße« oder gar »Unterschichtenliteratur« bezeichnen. Wenn ich aber Fragen lesen wie die, die mich zu meinem als »Ragebait« gescholtenen Post provozierte, dann sehe ich genau diese Männer feixend vor ihren Rechnern sitzen und »Dummchen!« rufen. Diese ganze, darin steckende Misogynie- und Klassismus-Scheiße ist es, über die ich schrei(b)en möchte. Dass sie in meinen Ausgangspost gelesen wurde, zeigt, wie tief dieser Stachel sitzt, und sofort muss ich an die bescheuete E- und U-Debatte denken, die wir alle seit Jahrzehnten ausfechten.
»Wo bleibt die Kultur, der Anspruch?«, schreit die eine Seite. »Haltet schön die Klappe, unsere Bücher verkaufen sich wenigstens«, entgegnet die andere, woraufhin zuverlässig der Vorwurf kommt: »Eure Sachen verkaufen sich doch nur, weil sie Mainstream sind.« Setze gedanklich Mainstream = Schund. Und denke bei den Unterhaltungsautor*innen als Subtext mit: arrogante Schnösel. Die gegenseitigen Verletzungen sind so alt wie der olle Schiller wäre, würde er noch leben. Dabei bekommt die wie gesagt uralte Debatte gerade neue Dimensionen, und das nicht nur, weil sich mittlerweile auch »normale« Unterhaltungsliteratur nicht mehr gut verkauft. »Die Verlage können eure Hochliteratur mit unseren Auflagen querfinanzieren und dafür lasst ihr uns gefälligst sein, wie wir sind« funktioniert nicht mehr.
Dadurch geraten nicht nur Buchhandlungen sondern auch Verlage in die Klemme. Und die Demokratie gleich mit. Anderes Thema, aber auch eins zum Schreien, weil derzeit von politischer Seite die unabhängige Buchhandelsszene angegriffen wird. Preise, die die Kultur und Demokratie fördern sollen, werden unter Gesinnungsvorbehalt gestellt, was das Leben der Unabhängigen zusätzlich schwer macht. (Stichwort »Buchhandlungspreis«).
Punkt 3: Eine ganze Branche in der Klemme
Der Buchhandlungspreis wurde unter Kulturstaatsministerin Monika Grütters ins Leben gerufen, weil es in Deutschland keine strukturelle Buchhandlungsförderung gibt und um kleine Buchhandlungen gegen die Macht der großen Ketten zu unterstützen. Denn, das sehen wir alle: Die Konzentration im Buchhandel schreitet voran. Aktuellen Branchenzahlen zufolge gehen pro Jahr ungefähr 100 Independentbuchhandlungen ein. Das ist eine alle drei Tage, während große Filialisten und auch der Bahnhofsbuchhandel dabei sind, ihre Etagen mit Tassen, Kissen und anderem Kram zu füllen, »weil man mit Büchern kein Geld mehr verdienen könne«. Wobei »kein« ganz nach kapitalistischer Logik meint »nicht das große Geld«. Denn die Margen in der Buchbranche sind klein. Parallel dazu begegne ich auf meinen Lesungen immer öfter Buchhändlerinnen, die mir sagen, ihr Laden trage sich nicht mehr, sei nur noch vom Ehegatten mitfinanziertes Hobby, das sie überlegten aufzugeben.
Jede dieser Buchhändlerinnen, daran glaube ich, wäre glücklich, würden alle, die auf Threads nach Büchern ohne Smut fragen, in ihren Laden kommen.
Womit wir beim Konfliktthema analoge versus digitale Welt angekommen sind.
Punkt 4: Wir sind längst die Ware
Ich möchte noch über etwas anderes schrei(b)en, nämlich darüber, dass die großen Social Media-Mühlen uns weitgehend unbemerkt zu Content-Lieferanten degradiert haben. Mit dem neoliberal-fiesen Versprechen, jede und jeder von uns »kann es schaffen, Bestsellerautorin zu werden, wenn er/sie sich nur genug anstrengt«, haben sie uns in die Falle gelockt. Nicht wir sind es, die mit unseren Büchern Geld verdienen, so wie wir es uns alle erträumen und wie es eigentlich sein sollte. Die Konzerne allein werden reich durch unser permanentes Strampeln, unsere Follower zu beliefern, immer neuen Content zu kreieren und, nicht zuletzt, auch durch unsere Shitstorms. Der Schrei, der mir in der Kehle steckt: beschissene Aufmerksamkeitsökonomie, in der wir alle uns wieder und wieder verheddern. Auch die Buchbranche ist dadurch in die Falle geraten.
Punkt 5: Abhängigkeit
Es stimmt: TikTok und Co. sorgen aktuell für Wachstumszahlen in einem Buchhandel, der in jeder anderen Hinsicht Rückzugsgefechte führt. Die Leipziger Buchmesse musste am Wochenende ihre Pforten wegen des übergroßen Andrangs schließen.
Aber was nützt es der Branche, wenn es am Ende außer Smut und Romantasy kaum noch andere Bücher gibt, weil »komplexe Inhalte sowieso niemand mehr jemand lesen will«? O-Ton von Verlagen und Agenten. Und empirisch nachgewiesen nicht richtig, wie mir fast auf jeder Lesung gestellte Fragen à la »Warum lerne ich Sie erst jetzt kennen?« zeigen. Die Antwort ist einfach: Weil für nicht nach den Regeln des Turbokonsums spielende Literatur zunehmend die Sichtbarkeit fehlt. Davon, das dieses Problem durch die KI und all den mit ihr generierten Slop noch verschärft wird, fangen wir jetzt besser nicht auch noch an. Oder davon, dass gerade Regeln ganz anderer Art – hallo Herr Weimer! – hochgezogen werden, besser auch nicht.
Was, das denke ich in letzter Zeit oft, wenn es mit der Entwicklung in den USA so weitergeht wie aktuell? Wenn die EU sich endlich dazu durchringt, ihre Social Media-Standards durchzusetzen und Meta, Bytedance und Co. ihre Server für Europa abschalten (müssten)? Wenn dadurch auf einen Schlag einem Großteil des im Moment noch für Umsätze sorgenden Buchmarketings der Boden entzogen würde und sich der Smut eben auch nicht mehr verkaufte?
Werden wir dann über jede kleine, unabhängige Buchhandlung froh sein, die noch existiert? Wie gesagt: Aktuell gibt statistisch gesehen jeden dritten Tag eine dieser Buchhandlungen auf.
Punkt 6: Resonanz
Am Ende ist es Resonanz, die wir alle brauchen. Wir freuen uns über den Austausch mit unseren Lesenden, über Rückmeldungen zu unseren Texten, über das Gespräch rund um Dinge, die uns umtreiben, uns brennen lassen. Die Social Media-Konzerne haben uns nun leider eingeredet, dass sie uns diese Resonanz liefern können. Dummerweise aber eben nur, wenn wir bereit sind, einen nennenswerten Anteil unserer täglichen Arbeit ins Posten zu stecken, statt unsere Bücher zu schreiben, und/oder (als Selfpublisher*in) ein paar Tausend Euro in unser Werk zu investieren. Am Ende dann ergibt all das nur noch Sinn, indem wir uns einreden, dass wir mit den zwei Dutzend Leser*innen, die wir auf den diversen Plattformen mühsam auf uns aufmerksam gemacht haben, doch eigentlich total zufrieden sind. Was für eine kognitive Dissonanz!
Ich habe einen Traum. Darin kommen Independentbuchhandlungen/Veranstaltungsorte vor, die Anlaufstelle für Buchliebhaberinnen und Autorinnen sind. Orte, an denen sich beide treffen können, in denen Autor*innen lesen, schreiben, diskutieren, auch mal streiten und, ja, voneinander lernen können. Ich träume von echten Resonanzräumen, statt einer virtuellen Echokammer, in der wir alle ständig Gefahr laufen, in die Aggressionsfalle zu geraten, uns missverstehen und aufeinander losgehen, was zu nichts weiter führt, als ein paar wenige Bros noch reicher zu machen, als sie ohnehin schon sind.
All das steckt in diesem einen Post.

Dieser Text hier hat 1545 Wörter.
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