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Wie das aktuelle Dan Brown-Buch mich dazu gebracht hat, Social Media zu canceln

Regal mit mehreren unterschiedlich großen und gebundenen Notizbüchern und Ordnern, im Hintergrund ein Schild mit dem Schriftzug 'Asphaltkälte'

Kürzlich las ich das aktuelle Buch von Dan Brown, The Secret of Secrets, und ich hatte die ganze Zeit dabei ein sonderbares Störgefühl. Zunächst bekam ich es nicht zu fassen. Abgesehen davon, dass diesmal kaum Kunstgeschichte in der Story vorkam (ich gestehe, ich mochte seine Ideen rund um da Vincis Bilder), hatte ich bei dem Thema diesmal sehr seltsame unterschwellige Bauchschmerzen.

Erstmal fremdelte ich mit dem aktuellen Thema – Noetik –, und ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, warum: weil die Noetik in der gesamten Story so naturwissenschaftlich verbrämt daherkam – und durch das Staunen von Browns Protagonisten Robert Langdon in den Rang einer echten »Wissenschaft« gehoben wird. Ich schreibe hier »Wissenschaft« sehr bewusst in Anführungszeichen, denn auf der Seite eines der führenden noetischen Institute, dem vom Apollo 14-Astronauten Edgar D. Mitchell gegründeten Institute of Noetic Sciences (IONS) steht folgender Satz: »At the nexus of inner knowing (noetics) and outer investigation (science), we will discover entirely new ways of being and of doing that uplift humanity and advance thriving for all.« – »An der Schnittstelle zwischen innerem Wissen (Noetik) und äußerer Erforschung (Wissenschaft) werden wir völlig neue Wege des Seins und Handelns entdecken, die die Menschheit erheben und das Gedeihen aller fördern.« Die Noetik-Forschung macht also selbst den Dualismus mit der Wissenschaft auf und rückt sich damit in Richtung einer Pseudowissenschaft. Wenn man ein wenig tiefer gräbt, findet man schnell heraus, dass es eine seriöse Variante der Noetik gibt, die Teil der philosophischen Erkenntnistheorie ist. Moderne noetische Forschung im populären Sinne jedoch bewegt weitgehend im Grenzbereich zwischen Wissenschaft, Spiritualität und Parapsychologie, wobei viele ihrer Themen (Bewusstseins-Einfluss auf physische Prozesse oder präkognitive Fähigkeiten) außerhalb des anerkannten wissenschaftlichen Konsenses liegen.

Nun hat Dan Brown auch schon in seinen früheren Büchern über religiöse, pseudowissenschaftliche oder gar esoterische Mythen geschrieben: Marias Grab unter dem Louvre, Illuminaten, die die Weltverschwörung planen, solche Dinge. Dennoch weckte das aktuelle Buch in mir eine unangenehme Assoziation. Zum ersten Mal hatte ich beim Lesen eines Dan Brown-Buches das Gefühl, dass mehr dahinter steckt als eine handlungsgetriebene, an Mythen angelehnte Unterhaltungsstory mit High Concept-Potenzial. Aus irgendeinem Grund hatte ich diesmal das Gefühl, dass der Autor eine Agenda verfolgt, dass er mich von der Noetik als Realität überzeugen will.

Und dann stieß ich auf einer der letzten Seiten auf ein Gespräch, das Brown Robert Langdon mit der weiblichen Protagonistin des Romans, Katherine Solomon, führt. Dies ist ein kleiner Auszug daraus. »Ich glaube ... dass unsere gegenwärtig im Eiltempo expandierende Technologie tatsächlich Teil einer spirituellen Weiterentwicklung ist.« (Brown 2025, S. 776) Und nur zwei Zeilen darunter: »Langdon erkannte, dass Katherine vollkommen recht hatte.«

Uff.

Wer redet hier? Katherine Solomon oder doch eher Peter Thiel? Und wovon spricht sie? Von KI? Von den aktuellen Formen von Social Media?

Nun wolle es der Zufall, dass ich direkt nach »The Secret of Secrets« ein Sachbuch in die Hand nahm: »Fantasyland« von Kurt Andersen. Darin schreibt der Autor über 500 Jahre Realitätsverlust in Amerika. Es geht um evangelikalen Endzeitglauben und die von ihm beschriebene Erkenntnis, dass Amerikaner dazu neigen, umso radikaler an Dinge zu glauben, je stärker der Wind wird, der ihnen entgegenweht. Auch hier nur ein aussagekräftiges Zitat: »Meinen Berechnungen zufolge sind die wirklich solide realitätsbasierten Menschen in Amerika inzwischen in der Minderheit – vielleicht machen sie ein Drittel aus, ziemlich sicher aber sind es weniger als die Hälfte. Beispielsweise ist nur ein Drittel der Amerikaner mehr oder weniger davon überzeugt, dass vor allem die CO2-Emissionen der Autos und Fabriken für die globale Erderwärmung verantwortlich sind. Nur ein Drittel ist der Ansicht, dass die Schöpfungsgeschichte nicht wörtlich zu nehmen ist, dass wir es hier nicht mit einem auf Fakten basierenden Bericht zu tun haben. Und nur ein Drittel ist sich wirklich sicher, dass es keine Telepathie und keine Geister gibt.« (Andersen 2018, S. 18)

In Zeiten, in denen offensichtlich psychisch kranke Männer mächtige Länder führen, in denen Realitäten in Filterblasen zersplittern, in denen megareiche Typen von Olympischen Spielen träumen, bei denen technisch und medizinisch »optimierte« Athleten gegeneinander antreten sollen(1), und immer neue Technologien entwickelt werden, die für unsere Zivilisation und den zwischenmenschlichen Zusammenhalt das Zerstörungspotenzial einer Atombombe haben, verfestigt sich in mir mehr und mehr das Gefühl, dass ich mich besser von Plattformen des Meta-Konzerns verabschiede. Wo Timelines sich mit rechtsradikalem Geschwurbel und aufdringlicher Werbung füllen, ist mir das bisschen Reichweite, das sie noch bieten, nicht wertvoll genug, um mich dem auszusetzen.

Diese Plattform hier ist winzig, aber sie gehört mir. Sehen wir mal, wohin diese Reise führt. Ich würde mich freuen, wenn Sie Zeit und Lust haben, mich dabei zu begleiten.

Fußnote

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Enhanced_Games

Literatur

Dan Brown, The Secrets of Secrets. Köln 2025.

Kurt Andersen, Fantasyland. 500 Jahre Realitätsverlust. München 2018.